Wilde Theorien

Als ich Anfang dieser Woche nach fieser Krankheit wieder in die Werkstatt kam, war mein erster Impuls, nach den Schnecken zu sehen.
Doch das Schneckenrefugium war leer.
Ich sah mich in der Werkstatt um, kroch unter den Tisch, sah unter dem Schrank und sogar auf dem Schrank nach, doch sie blieben verschwunden.
Somit ist es amtlich: die Seiltierchen sind verschwunden.
Tatsächlich bedrückte mich dieser Umstand, doch nachdem ich eine Weile überlegt hatte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es so am besten ist.
Wer weiß, was diese kleinen Tierchen überhaupt fressen. Am Ende benötigen sie Textilfasern um ihre Zellstrukturen zu erneuern und das wäre wirklich schlecht fürs Geschäft. Vielleicht sind sie überhaupt nur wegen unseres Vorrats an Textilien aller Arten bei uns aufgetaucht. Aber warum sollten sie dann wieder verschwinden?
Leider haben wir nun keine Möglichkeit mehr, mit einem Spezialisten diese neue Art zu erforschen und befinden uns auf dem nebligen Boden vager Vermutungen.

Vielleicht sind es ja Nomadenschnecken, die einfach nicht für ein Leben unter einem Dach gemacht sind.
Da sie enorme Ähnlichkeiten mit Kletterseilen aufweisen, kann man auch davon ausgehen, dass gewisse atmosphärische Strömungen in ihren Strukturen vorhanden sind, die sie nach Höherem streben lässt. Aus Schweiß, Steinstaub und Adrenalin geboren, haben sie wahrscheinlich keine andere Möglichkeit, als immer neue Herausforderungen zu suchen. Darum auch das deutliche Wettkampfverhalten.
Es würde mich nicht wundern, wenn sie in eine S-Bahn nach Bad Schandau geschneckt sind und jetzt irgendwo in der Sächsischen Schweiz an einem Gipfelbuch nagen.


Wie dem auch sei - wenn ihr sie irgendwo seht, gebt uns gerne Bescheid. Ein wenig neugierig sind wir schon, ob diese Theorien wenigstens ansatzweise stimmen.
Für die Wissenschaft!
Auf jeden Fall habe ich im Zuge der Trauerverarbeitung begonnen, die Seilschnecken nachzubilden. Und wie ich finde, ist es mir ziemlich gut gelungen. Auf den Fotos sieht man fast keine Unterschiede.
Einzig der Umstand, dass sie sich nicht bewegen, verrät dass es leblose Nachbildungen sind. Kalt und emotionslos! Keine Neugierde! Nicht die kleinste Regung!
Ach, wäre mein Herz doch auch so kalt und starr. Dann müsste ich nicht den Schmerz ertragen, der sich meiner bemächtigt, als wäre ich ein Schwamm in einer Schüssel voller Trauersuppe.
Oh, weh! Und Ach! Und hoppla, mein Telefon klingelt.
Ok. Danke an Lila. Da bin ich wohl mal wieder etwas abgeschwiffen.

Wie dem auch sei, hier sind sie:

IMG_0375JPG


IMG_0377JPG          IMG_0378JPG


Ach, ich ertrage es nicht!
Wir werden sie verkaufen. So! Nun ist es raus.
Wer nächste Woche auf die Kreativmesse in Chemnitz geht, hat die Chance, einem dieser herzallerliebsten Schneckchen ein neues zu Hause geben zu können.


                                                                                                               Lisa